Monatsarchiv - Februar 2018

Ein Mensch zweiter Klasse – eine Geschichte zum Nachdenken…

Alt und Dement? Je älter, desto hilfloser!

Ein Mensch zweiter Klasse?

Aus der Sicht eines demenzerkrankten Menschen…

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„Wie ein stiller Verlust kam mein schleichendes Vergessen“

Am Anfang konnte ich es noch gut überspielen, niemand merkte es, ich ließ auch keine Hilfe zu, sonst würden sie es ja merken…
Oftmals war ich überfordert und wenn ich im Gespräch vergaß was ich eigentlich sagen wollte, erfand ich einfach etwas Neues….

Das hielt einige Monate, ja fast Jahre, …. bis ich diese Fassade nicht mehr halten konnte, so kam ganz still und heimlich meine Zeitverwirrtheit dazu…
Ich konnte wirklich gar nicht mehr unterscheiden was gestern und was vor 2 Jahren geschah…. aber das was schon ganz lange her ist, das weiß ich noch ganz genau!

Jeder der mir über den Weg läuft bessert mich aus, weiß was gut für mich ist, beschimpft mich teilweise….
habe ich eigentlich schon gesagt dass ich 82 Jahre bin, 6 Kinder großgezogen habe, 1 Mann im Krieg verloren und auf einem Bauernhof gearbeitet habe?….

Ich frage mich: Wessen Kinder sind das? Wo bin ich hier? Bin ich krank, oder sind es die anderen?
Ein durcheinander in meinem Kopf!
Ich ziehe mich zurück… ich weiß ja auch nicht was los ist mit mir…

Mein Körper und meine Gefühle halten nicht still… Ich mache was sie verlangen…
Ich gehe und möchte einfach „nach Hause“ zu meiner Mama, wo ich mich sicher und geborgen fühle…

Sie fragen mich ob ich schon spinne? Denn meine Mutter sei schon vor 20 Jahren verstorben!
Uups, es war doch nur so ein Gefühl und ich dachte, ach ich weiß auch nicht mehr was ich denken soll….

Ich verstumme allmählich und gehe einfach meiner Arbeit nach. Ich bin nämlich Schneiderin vom Beruf.
Ich schneide mir die Geschirrtücher zurecht um sie dann zu nähen…

Hopala, diese Rechnung habe ich wohl ohne meine Mitlebenden gemacht!
Der Arzt kommt nämlich!
Er sagte es wäre besser und sicherer mich in ein Altenheim zu geben…
Man könne mich nämlich „nicht mehr alleine lassen“, ich sei wie ein Kind und man müsse ununterbrochen auf mich aufpassen,
sie müssen alles verstecken, weil ich angeblich alles zerschneide….
Sie wollen ja nur das Beste für mich… Ich glaube meine Angehörigen spinnen, nicht ich!
Ich bekomme jetzt auch Medikamente die MIR natürlich gut tun!

Warum kann es nicht so sein wie es einmal war?

Wenigstens kann es das in meinem Kopf! Alle sagen dass ich dement bin, sie sollen es nennen wie sie wollen, ich bin nämlich gesund!
Oh, die Zwangsmittel wirken, ich werde immer ruhiger!…

Teil 2:

Stell dir vor:
Nach meinem letzten Oberschenkelhalsbruch sagte der Arzt zur Schwester:
„Baujahr?“
„33“
„Interessante Diagnosen?“
„Ja, Demenz“
„Wie verhält sie sich?“
„AZ.OB.“ (Verstand ich auch nicht, so wie das meiste dort…)
„Doch Auffällig, spricht von ihrer Mutter und ihrer Arbeit als Schneiderin. Sie halluziniert und isst und trinkt fast nichts.“

„Was will man eigentlich noch in diesem Alter? Sie ist doch schon so dement, bekommt eh nichts mehr mit!“
„Gebt ihr passende Psychopharmaka und schickt sie wieder nach Hause.“

Ich bin wieder „daheim“.

Ich bin jetzt bettlägerig.
Habe eine embryonale Körperstellung, nehme die Aussenwelt fast nicht mehr wahr… Alles passiert einfach, ich weiß nicht, es ist wie ein Reflex…

Ich habe Angst…

Jetzt haben sie schon einen Namen für mich!
„Die lebende Tote“ werde ich genannt….
Ganz still wird es um mich…. Wenn mal wer zu Besuch kommt, dann wissen sie eh nicht was sie mit mir anstellen sollen, sie sagen bloß:
„die Arme, alt soll man nicht werden!“
Ich will jetzt nichts mehr essen, ich hab es wirklich satt!

Oje, die nächste gute Idee ist schon im Anmarsch!
Eine künstliche Nabelschnur wollen sie mir jetzt geben…
Weil der Arzt sagte, dass MIR so eine „PEG Sonde“ jetzt gut tut!
Frag mich mal wie es mir jetzt geht…

Naja, so kam mein stiller Verlust mit meinem schleichenden Vergessen…

„Ich werde behandelt wie ein Mensch zweiter Klasse.“

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