Monatsarchiv - April 2018

Sammeln und horten von Lebensmitteln

Die Veränderungen und Verhaltensweisen im hohen Alter zu akzeptieren ist für pflegende Angehörige und professionelle Betreuer nicht leicht. Wenn ein alter Mensch immer wieder für uns verrückte Dinge sagt und tut, obwohl man sich ständig bemüht, ihm immer wieder die Realität zu erklären, müsste man eigentlich irgendwann zu einem Punkt kommen, an dem klar wird: „Es ist nicht möglich Einsicht zu erzielen. Das lässt die Krankheit einfach nicht mehr zu!“ Wenn alte Menschen sammeln, horten, die Dinge verstecken und dann vergessen, braucht es Verständnis.

Fakt ist: Viel zu lange bleiben Betreuer und Angehörige auf einer Art Konfrontationsebene. Alte Menschen können gar nicht wissen, warum sie oftmals so merkwürdige Dinge tun.

Fakt ist auch: Unsere Alten werden weiterhin auf ihren Aussagen beharren. Selbst den professionell Pflegenden und Betreuenden, die gut geschult sind, gehen Lebensgeschichten der ihnen anvertrauten alten Menschen oft so nahe, dass sie ihre eigenen Grenzen nicht erkennen und diesen Verhaltensweisen zumindest gereizt gegenüberstehen.

Fest steht: Wer diesen veränderten Zustand jedoch akzeptieren kann und Verhaltensweisen nicht mehr persönlich nimmt, hört mit den ständigen Diskussionen auf. Ein positiver Aspekt tritt ein. Anstelle von Wut, Ärger, Mitleid oder Trauer zu empfinden entwickelt man Empathie und erlernt den validierenden Umgang. Eine wesentliche und fundierte Erkenntnis.

Ein Beispiel aus meinem Erfahrungsschatz, ist hier angeführt:

Als ich in der mobilen Hauskrankenpflege arbeitete, lernte ich eine „grantige“ aber im Grunde nette 83-jährige Dame kennen.

Berta lebte alleine zuhause, die zunehmende Inkontinenz machte ihr zu schaffen. Körperlich war sie wie ein „Wiesel“. Geistig vergaß sie aber so manches, das Bett stand vollgeräumt im Wohnzimmer und im Nebenraum befand sich auch die Küche, die ebenso vollgeräumt war.

Die obere Etage stand leer. Berta ernährte sich vorwiegend von Tee, Keksen, Brot und ein wenig Obst. Sie aß nicht viel von diesen Sachen, doch aber sie sammelte und hortete sie trotzdem wie einen Schatz.

Zuerst wurden all die Naschereien auf einer Zentralheizung aufgelegt, danach kamen die guten Sachen hinter das Geschirr, auf das Bücherregal oder in den Kühlschrank. Sie wurden von ihr versteckt und dann vergessen.

Wenn die Haushaltshilfe versuchte, Berta daran zu hindern, scheiterte die gute Fee unweigerlich. Sie reagierte mit Unverständnis.

Das Bedürfnis von Berta war Sicherheit zu gewinnen, möglicherweise für schlechte Zeiten. Als eine Art „Symbol“ dafür verwendete sie Nahrungsmittel, wenn sie diese noch fand.

Doch, warum machte Berta das?

Aus ihrer Lebensgeschichte weiß ich, dass sie im ersten Weltkrieg beinahe verhungert wäre, als kleines Mädchen war sie so unterernährt gewesen, dass man ihre Haut am Unterarm mehrerer Zentimeter wegziehen hat können.

Bertas schlimme damalige Situation bzw. das damals durchgemachte lebensbedrohliche Gefühl ist in ihrem Unterbewusstsein gut verschlossen.

Obwohl jetzt jede Menge Essen da ist, muss sich Berta durch die immer wieder vergessenen Mengen absichern, um das damalige Gefühl der Angst mit dem heutigen Bedürfnis nach Sicherheit zu verknüpfen.

Viele alte Menschen sammeln und horten verschiedenes Essen, sie haben meistens eine Zeit des Hungers erlebt. Im Alltag sollten pflegende Angehörige wie auch Betreuer bei solchen Verhaltensweisen nicht vor den Augen des Betroffenen die Schubladen und Schränke ausräumen und alles wegwerfen. Die alten Menschen fühlen sich nicht ernst genommen, sondern vielmehr verraten.

Der gute Tipp:

Wenn man etwas wegnehmen muss, weil es bereits verdirbt, empfehle ich, es durch frische Nahrungsmittel zu ersetzen.

Das muss nicht dieselbe Menge sein. Wichtig ist also die Erkenntnis, dass das Sammeln und Horten für den alten Menschen von hoher Bedeutung ist und für den alten Menschen das Bedürfnis nach Sicherheit stillt.

Mit anderen Worten: Was man alten Menschen wegnimmt, nimmt ihnen die Sicherheit. Was man ihnen belässt (oder unmerklich ersetzt) lässt Zufriedenheit einkehren.

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Herzgeschichten – wenn der Verstand geht und die Gefühle bleiben

Wenn Oma – nennen wir sie hier einfach Rosa – erkrankt, existiert das logische Denkvermögen nicht mehr. Doch was heißt das?

Das heißt z.B.: das Oma Rosa zwar die Blumen spritzt, aber mit viel zu viel Wasser. Rosa hängt zwar die Wäsche an die Leine, leider ist diese jedoch noch schmutzig. Wenn Oma zusammenräumt landen oftmals die Zähne im Kühlschrank, das Brot im Geschirrspüler oder die Butter verschwindet mit der Marmelade in einer Handtasche bzw. dort, wo sie kein Mensch vermutet.

Um das Durcheinander im Kopf zu entwirren braucht Oma Rosa jetzt unser Verständnis als Angehörige – und unsere Hilfe. Ohne Medikamente!

Validation – was ist das?

Der Alltag mit unserer Oma kehrte schnell wieder ein. Wir sind mit immer neuen Situationen konfrontiert, wir tun uns schwer, ihre Gründe zu verstehen.

Wir würden viel besser verstehen, wenn wir wissen, was um Oma Rosa geschieht. Die Erklärung lautet im Fachbegriff Validation. Validation muss nicht erlernt werden. Wir tragen sie alle in uns, haben sie jedoch verdrängt, oder vielmehr verdrängen müssen.

Schauen wir in unsere eigene Kindheit zurück, oder erinnern wir uns, was Oma Rosa immer über ihre Kindheit erzählt hat. Ihr wurden wie später auch uns immer gesagt: „Lerne mehr, arbeite mehr, du musst zu den Besten gehören!“ Der Druck wurde zur Gewohnheit, zur Lebensphilosophie, zum Grundgedanken.

Nicht nur im Altenheim kann man oft gut beobachten, dass unsere lieben Alten am späten Nachmittag oft unruhig werden, sie wollen nach Hause, zu den Tieren, zu den Kindern. Wir könnten auch sagen, sie wollen zu ihren Routinen. Sie haben ja nie „abschalten“ gelernt.

Im Kopf haben sie zwar nun vergessen, dass diese Zeit nicht mehr existiert. Aber tief im Herzen sind diese Vorgänge, Geschichten oder Gewohnheiten gespeichert.

Diese Menschen bewegen sich in „ihrer“ wahren Vergangenheit. Dort heißt es: Die Sonne geht unter, die Arbeit ist für heute erledigt, wir gehen nach Hause, zu den Kindern. So wurde es über Jahrzehnte gehandhabt. Und dort, in ihrer Vergangenheit können wir sie abholen.

Die Menschen wurden wie Oma Rosa nach deren Leistung beurteilt, ein Leben lang. „Was sagt der Vater, was denkt der Nachbar…, wir müssen unser Tagewerk vollenden…“

Blenden wir uns zurück in die Gegenwart und zu Oma Rosa. Aus Unwissenheit und Mitleid handeln wir ihr gegenüber genau genommen nicht richtig und vertrösten und verstören sie vielmehr, bis sie dann gar nicht mehr mit uns spricht, weil sie sich nicht verstanden fühlt.

Diese Menschen brauchen kein Mitleid, keine Ratgeber und keine Psychologen. Vielmehr brauchen sie unser Verständnis und die richtigen Handlungen.

Denn der Erkrankte kennt nun keine Hemmungen und Normen mehr. Wenn Oma oftmals grundlos „sauer“ wird und uns beschimpft, dann nimmt sich eigentlich ihr Kopf eine Auszeit, ihre Gefühle haben endlich freien Lauf.

Jetzt sollten wir wissen und „entschuldigend“ berücksichtigen, dass das was in Omas gespeichert, niemals verloren geht!

Leider weißt uns niemand darauf hin, so sind wir wütend auf Oma Rosa und können diese Situation einfach nicht verstehen.

Wenn der Verstand geht, aber die Gefühle bleiben

Kehren wir einmal vor unserer eigenen Tür als gesunde und agile Menschen. Wenn wir gefragt werden, ob wir uns an den 8. August letzten Jahres erinnern können, werden wir vermutlich nicht wissen, was damals war – wenn nicht gerade jemand besonderer Geburtstag hatte oder etwas Außerordentliches passiert ist. Wenn wir aber gefragt werden, was das Schönste im letzten Jahr war, wird uns die Antwort leichtfallen. Denn diese Ereignisse sind wie gesagt im Herz gespeichert.

Weshalb wir uns merken, um zu verstehen: Bei einem Alzheimer – Erkrankten wie Oma Rosa geht der Verstand, doch die Gefühle bleiben. Und schon erscheinen unverständliche Handlungen in einem neuen Licht und womöglich sogar positiv. Weil sie aus Omas Herzen kommen.

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